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"Grabmal quo vadis?"

Stellungnahme von Steinmetz- und Steinbildhauermeister Gerrit Arndt | | 1 Kommentar |


Die Fachzeitschrift "Naturstein" hat in ihrer aktuellen Ausgabe (7/2017) eine Stellungnahme des Steinmetz- und Steinbildhauermeisters Gerrit Arndt zur aktuellen Situation der Grabmalbranche veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung der "Naturstein"-Redaktion bildet Aeternitas an dieser Stelle den Text von Gerrit Arndt ab:

Grabmal quo vadis?

Es ist verständlich, dass derjenige, der sein Geld hauptsächlich mit dem Grabstein verdient, ernsthaftes Interesse daran hat, dass ihm sein Absatzmarkt erhalten bleibt. Und zum Absatz gibt es verschiedene Wege. Einige Steinmetze fertigen nach dem Motto "Masse statt Klasse" die Rasenplatte zum Abstumpfen der Schneidemesser von Friedhofsrasenmähern zum Schleuderpreis. Andere Kollegen spielen den "Durchreicher": Container aus Indien oder China bringen für kleines Geld das, was mit möglichst hoher Gewinnmarge unter geringstem eigenen Arbeitseinsatz auf den Gottesacker gekarrt wird. Die restlichen Steinmetze versuchen es - oft auch in Partnerschaft mit den verbliebenen Grabmalhändlern - in höherwertigen Kategorien, schimpfen über erstgenannte Kollegen und bemühen sich um die würdevolle letzte Ruhestätte mit dem individuellen Etwas. Von arm bis reich und bescheiden bis protzig dekadent ist also für jeden etwas dabei.

So sehr sich die Kollegen gegenseitig auf die Finger schauen und hauen, gibt es für sie aber auch einen gemeinsamen Feind, nämlich alternative Beisetzungsmethoden, die ganz ohne Stein auskommen. Allenfalls darf man die Schriftplatte für die Gemeinschaftsanlage an ein altes Überbleibsel aus besseren Steinmetz­tagen dübeln. Aber ich möchte hier gar nicht ins gleiche Horn stoßen wie viele Kollegen. Mehr und mehr treibt mich nämlich die Frage um, nach welchem Recht wir es uns herausnehmen, über die letzte Ruhestätte anderer zu entscheiden. Was ist verwerflich daran, wenn sich ein Mensch seine letzte Ruhestätte unter einem Baum wünscht? Im Internet kursiert ein in diesem Zusammenhang gerne gezeigtes Bild: ein umgestürzter Baum in einem Friedwald, dessen Wurzelwerk die Urne wieder ans Tageslicht befördert hat. Was für ein schlagkräftiges Argument für unsere Zunft! Aber reden wir in Wahrheit den Friedwald nicht nur deshalb schlecht, weil sich dort kein Stein verkaufen lässt?

Auch dass sich manche eine anonyme oder halbanonyme Beisetzung wünschen, hat, wie wir ja wissen, oft seinen guten Grund. Meine Großmutter beispielsweise wollte keinen Stein, da die Familie nicht mehr in der Nähe wohnte und sie wusste, dass eine dauerhafte persönliche Pflege schwerlich zu realisieren war. Niemandem zur Last fallen zu wollen, verbindet sich gerade bei Menschen der älteren Generation häufig mit echter Bescheidenheit, was die Bestattung und die Ausgestaltung des Orts der letzten Ruhe betrifft. Natürlich ist es richtig, diesen Menschen mit pflegefreien Lösungen gute Alternativen aufzuzeigen. Ihre Wünsche sollten wir aber dennoch respektieren.

Unlängst schlug eine bepflanz- und recycelbare Urne im Internet unter den Kollegen heftige Wellen. Was sagt man aber nun demjenigen, der Ressourcen schonend und im Einklang mit der Natur handeln möchte? Der die Vorstellung hat, er könnte seinen Liebsten als aufkeimender Baum wieder vor Augen treten? Aber wie kann man in unserer Branche für derlei Verständnis erwarten, wenn viele schon über Steinmetzen meckern, die alte Steine zu neuen Grabmalen umarbeiten oder anderweitig wiederverwenden?

Vielleicht sollte jeder für sich darüber nachdenken, wie Trauerkultur heute zu definieren ist und in welcher Weise er selbst dazu beitragen kann und will. Grabmale mit Strasssteinchen einzukaufen und anzubieten, ist sicher kein Allheilmittel, weil man hiermit nicht jedem Verstorbenen bzw. Trauernden entspricht. Wir könnten uns daher ab und zu darauf besinnen, was einmal Usus war, nämlich würdevolle Grabdenkmale zu fertigen für diejenigen, die dafür aufgeschlossen sind. Zu den Konditionen die sie sich leisten können. Denn auch ein kleines Grabmal kann handwerklich schön gearbeitet werden. Und wenn man sich auf seine Lehre besinnt, mal wieder selbst Eisen und Knüpfel in die Hand nimmt und die eingerosteten Maschinenfinger etwas in Form bringt, geht das sogar in einer angemessenen Zeit und zu einem wirtschaftlichen und kundengerechten Preis. Und vielleicht hilft uns das dabei, uns etwas respektvoller gegenüber Dingen zu verhalten, die wir nicht zu entscheiden haben, nämlich wie sich andere zur letzten Ruhe legen lassen wollen.

Gerrit Arndt, r.frd.einh. Steinmetz
Steinmetz- und Steinbildhauermeister

Quelle: Fachzeitschrift Naturstein 7/2017, Ebner Verlag, Ulm
Internet:  www.natursteinonline.de

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