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Judith Könsgen von der Deutschen Friedhofsgesellschaft mbH

Aus der Praxis 

Judith Könsgen Judith Könsgen von der  Deutschen Friedhofs-
gesellschaft mbH
ist Betreiberin der ersten Mensch-Tier-Friedhöfe in Deutschland. Im Juni 2015 eröffnete Sie Mensch-Tier-Friedhöfe in Braubach/Dachsenhausen bei Koblenz und in Essen-Frintrop.


 
1.) Was war der Antrieb bzw. Auslöser für Sie, den ersten Mensch-Tierfriedhof Deutschlands zu eröffnen?

Könsgen:
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Friedhofskultur stark verändert. Familien leben nicht mehr über mehrere Generationen hinweg in einer Stadt und so ist ein Friedhof auch nicht mehr der zentrale Ort der Begegnung. Gleichzeitig möchten sich Menschen in ihrem Leben mehr und mehr individuell ausdrücken. Das gilt heutzutage auch für die letzte Ruhestätte. Die Deutsche Friedhofsgesellschaft, die hinter dem Friedhof "Unser Hafen" steht, bietet bereits eine Vielzahl individueller Beisetzungsformen an, vom Ruhewald für naturverbundene Menschen bis hin zu Gräbern umgeben von Weinbergen.

Angehörige sprachen uns an, ob wir vielleicht auch einen Friedhof für die gemeinsame Bestattung von Mensch und Tier realisieren könnten, die Idee wurde also an uns herangetragen. Im Friedhof "Unser Hafen" sehen wir letztendlich einen weiteren Baustein in dem Angebot unterschiedlichster sehr individualisierter Beisetzungsmöglichkeiten.

2.) Welche Bestattungsarten kommen für die Humanbestattung und welche für die Tierbestattung auf den gemeinsamen Grabstellen in Frage?

Könsgen:
Auf dem Friedhof "Unser Hafen" können ausschließlich Urnen beigesetzt werden. Angeboten werden zwei Grabarten, in denen bis zu 6 bzw. 12 Urnen von Mensch und Tier beigesetzt werden können. Damit verbunden ist die Wahl zwischen freier Grabgestaltung mit eigener Grabpflege oder einem Grab inklusive der gärtnerischen Arbeiten. Die Kosten betragen je nach Grabart jährlich entweder 69 Euro oder 92 Euro. Die Laufzeit liegt in Essen bei 25 und in Braubach bei Koblenz bei 20 Jahren. Auch wenn die Urnen von Mensch und Tier in einem Grab vereint werden, so erfolgt die Überführung und Einäscherung immer streng getrennt nach Mensch und Tier.

3.) Welche Tierarten können neben den Verstorbenen Haustierbesitzern beigesetzt werden?

Könsgen:
Es können alle Tiere beigesetzt werden, die vorher eingeäschert wurden; also vom Hamster über Hund und Katze bis hin zum Pferd. Für die Einäscherung von Pferden hat der Gesetzgeber ja gerade die Vorschriften geändert.

4.) Wie viele Stellen für Tiere und Menschen haben die Gräber jeweils auf dem Mensch-Tier-Friedhof?

Könsgen:
Die Friedhöfe in Essen und Braubach sind zwischen 800 qm und 1.000 qm groß. "Unser Hafen" Braubach liegt auf der Rheinhöhe inmitten eines stillen Waldgebietes. Dort gibt es auch eine offene Waldkapelle als Ort des Abschieds. In Essen findet sich der Friedhof "Unser Hafen" gleich gegenüber der historischen Gnadenkirche. In einem Landschaftsschutzgebiet mit herrlichem Blick in das tiefer gelegene Emschertal finden hier Mensch und Tier gemeinsam ihre letzte Ruhe.

Auf beiden Friedhöfen bieten wir das pflegefreie Freundschaftsgrab oder das Familiengrab mit eigener Gestaltung an.

5.) Ist für die "Zubestattung" eines Tieres in jedem Fall ein Tierbestatter erforderlich?

Könsgen:
Für die Beisetzung des Tieres ist kein Tierbestatter nötig. Übrigens nehmen Tierbesitzer oftmals die Urne ihres verstorbenen Tieres erst einmal mit nach Hause, denn hier besteht ja keine Beisetzungspflicht. Das kann auch bei bestimmten Beisetzungsformen finanziell der richtigere Weg sein, da die Ruhefrist bereits mit der ersten Beisetzung beginnt. Verstirbt der Tierbesitzer, dann können Angehörige Trost darin finden, die Urne des geliebten Tieres gemeinsam mit der Humanurne beizusetzen.

6.) In der Regel stirbt ein Tier ja vor seinem Besitzer. Kann ein Tier auch nach der Bestattung seines Herrchens/Frauchens im gemeinsamen Grab bestattet werden?

Könsgen:
Die Reihenfolge der Beisetzungen ist frei. Wir geben aber immer zu bedenken, dass es einen großen Unterschied zum klassischen Ehe- oder Partnergrab ist. Ein Mensch versteht die Wünsche und kann sie nach dem Tod des Lebenspartners mitteilen. Ein Tier - egal wie verständnisvoll es blickt - kann das natürlich nicht tun. Deshalb ist es wichtig, vorzusorgen und insbesondere zwei Dinge zu regeln: Wer kümmert sich nach dem Tod von Frauchen oder Herrchen um das Tier? Ist festgelegt und vielleicht auch finanziell abgesichert, dass die Bestattung auf dem Mensch-Tier-Friedhof erfolgt?

7.) Tierfriedhöfe erscheinen meist deutlich bunter und - mit Verlaub - kitschiger, als Humanfriedhofe. Unterscheidet sich Ihre Friedhofsordnung in puncto Grabgestaltung von anderen Friedhöfen?

Könsgen:
Wir sind sehr angetan mit wie viel Feingefühl und Geschmack Angehörige ihre Gräber gestaltet haben. Hier die richtige Symbolik zu finden ist für Hinterbliebene auch ein Teil der Trauerarbeit. In einem Fall hat sogar die schwer erkrankte Ehefrau das Grab mit ihrem Mann gemeinsam gestalten können. Ein Mensch-Tier-Friedhof ist nun einmal eine andere Sache als ein reiner Tierfriedhof. Wir gehen hier also weniger restriktiv als bei einem Humanfriedhof vor und unser Vertrauen in die Angehörigen ist bis heute nicht enttäuscht worden.

8.) Wie sieht die Bilanz aus? Können Sie jetzt (etwa ein Dreivierteljahr nach Eröffnung) bereits sagen, ob Ihre Mensch-Tier-Friedhöfe gut angenommen werden?

Könsgen:
Der Zuspruch ist überwältigend. Über 9.000 Menschen folgen uns beispielsweise bei Facebook. Die Beisetzungen und Grabkäufe bewegen sich im zweistelligen Bereich. Ein Grab ist jedoch nun einmal kein Konsumprodukt, wie etwa ein Smartphone, dass man sich eben mal so kauft. Bei dem Friedhof "Unser Hafen" spielt zudem die Tatsache, ob ein Mensch bzw. ein Tier verstorben ist, eine wichtige Rolle und die Tierurne wird oftmals erst einmal mit nach Hause genommen.

Der Friedhof "Unser Hafen" kann sich somit heute noch nicht selbst tragen. Aber als Familienunternehmen sind wir ohnehin nicht auf den schnellen Euro aus und haben eine eher mittel- bis langfristige Perspektive.

9.) Wie begegnen Sie der Kritik an Ihrem Konzept, wonach das gemeinsame Grab von Mensch und Tier nicht pietätvoll sei?

Könsgen:
Wir haben eigentlich überhaupt keine Kritik vernommen. Ganz im Gegenteil: Über die Vielzahl der positiven Rückmeldungen waren wir sehr überrascht. Wir hatten eigentlich auch mit kritischen Stimmen gerechnet. In Gesprächen mit Angehörigen, Interessenten und auch in den sozialen Medien erhielten wir nahezu ausschließlich positive Meinungen. Auf unserer Facebook-Seite lesen wir jede Woche teils sehr persönliche und positive Einträge. Erst nach einem Jahr konnten wir dort den ersten kritischen Beitrag lesen.

Wir sehen den Friedhof "Unser Hafen" vielmehr als eine große Chance, die Themen Sterben und Tod wieder ein wenig in unsere Gesellschaft zurückzuholen. Wie oft werden heutzutage Fragen von älteren Menschen abgetan, wenn sie über Tod und Sterben sprechen möchten. Da heißt es dann schnell "Oma, Du wirst noch lange leben" und nicht "erzähl doch einmal". Für viele Menschen ist es dann doch vielleicht etwas einfacher, ein solches Gespräch über den letzten Weg des Tieres zu führen, statt über sich selbst zu reden.

10.) Was bringt die Zukunft - haben Sie weitere Mensch-Tier-Friedhöfe in der Planung?

Könsgen:
Noch in der Planungsphase der neuen Beisetzungsform legten wir fest, dass der Friedhof für die gemeinsame Beisetzung von Mensch und Tier immer ein eigenständiger Friedhof ist. Er hat also eine eigene Satzung und einer klare Abtrennung. Lediglich ein Grabfeld auf einem bestehenden Friedhof einzurichten wäre für uns - aus Rücksicht auf Verstorbene und Angehörige - der falsche Weg. Diese Leitlinie schränkt natürlich die Auswahl von neuen Standorten ein. Wir möchten aber in der Zukunft bundesweit mit mehreren Standorten vertreten sein und sprechen derzeit auch bereits mit Kommunen.


Tipp:
Lesen Sie auch den Aeternitas-Bericht über die Eröffnung des Friedhofes in Essen-Frintrop: "Erstmals können Herrchen und Frauchen mit ihren Haustieren bestattet werden" vom 10.6.2015

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