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Als typisches Beispiel für die heute immer noch geltenden Ordnungsvorstellungen zitiere ich ein paar Vorschriften der evangelischen Kirchhofssatzung von West-Berlin:

"Nicht gestattet ist: das Befahren der Wege mit Fahrzeugen aller Art (auch das Mitführen von Fahrrädern), ... der Durchgangsverkehr, das Verteilen und Anbieten von Druckschriften, das gewerbsmäßige Fotografieren, das Feilbieten von Waren aller Art, insbesondere von Blumen und Kränzen, das Mitbringen von Hunden und anderen Tieren".

"Jede Grabstelle ist so zu gestalten und so der Umgebung anzupassen, daß die Würde des Kirchhofs ... gewahrt bleibt".

"Die Grabstellen müssen würdig hergerichtet und bis zum Erlöschen,des Nutzungsrechts dauernd instandgehalten werden."

Verwelkte Blumen und Kränze sind unverzüglich von den Grabstelllen zu entfernen und an den dafür vorgesehenen Plätzen abzulegen".

"Die Grabstellen dürfen nur mit solchen Pflanzen bepflanzt werden, die anderen Grabstellen oder die öffentlichen Anlagen nicht beeinträchtigen".

"Grabmäler .... müssen der Würde des Kirchhofs entsprechen. Inschriften und Sinnbilder dürfen nicht im Gegensatz zum Christlichen Glauben stehen oder den gehörigen Ernst vermissen lassen".

"Die Nutzungsberechtigten sind für die Verkehrssicherheit und den ordnungsgemäßen Zustand der Gräber verantwortlich und haftbar".

"Grabmäler, die umzustürzen drohen oder deutliche Zeichen des Verfalls aufweisen, können .... umgelegt oder entfernt werden."

Die Broschüre "Der grüne Friedhof" vom Bayerischen Landesverband für Gartenbau und Landespflege empfiehlt völlig unnötige Arbeiten zur Neuanlage eines Grabes:

"Will man ein gutes Pflanzenwachstum sicherstellen, ist eine gründliche Bodenverbesserung vorzunehmen. Es ist zweckmäßig, von-einem Grab, je nach Bodenqualität, 2 - 3 Schubkarren der oberen Bodenschicht zu entfernen. ... Man ersetzt die ... unbrauchbare Erde durch gute Kompost- oder Humuserde, Düngetorf oder ein pflanzfertiges Torfkultursubstrat."

Bei der Grabpflege heißt es: Blütenpflanzen verlangen eine regelmäßige Nährstoffversorgung mit Blumendünger. Sommerblumen benötigen gegenüber bodendeckenden Gehölzen und Stauden einen besonderen Pflegeaufwand. Neben der alljährlich notwendigen Bodenverbesserung muß hier insbesondere der hohe Wasserverbrauch beachtet werden"."

"Gegen Läuse setzt man zur Schonung nützlicher Insekten Metasystox im Gießverfahren ein. Käfer und Raupen sind mit geringer giftigen Mitteln bekämpfbar. Gegen Schnecken verwendet man Schneckenkorn auf Metaldehydbasis. Unkräuter und unerwünschtes Gras kann man durch besondere Bekämpfungsmittel auch auf bepflanzten Gräbern vernichten".

Die Broschüre "Friedhof. Grüner Raum in der Stadt" preist die Gartentechnik der modernen Friedhofsgärtnerei an: "...Es wurden ... erhebliche Investitionen in einen modernen Maschinenpark getätigt, mit dem Routinearbeiten rationell erledigt werden können: vom Laubsauger über Erdaufbereitungsmaschinen bis zu Einrichtungen zum Gießen, Düngen und Schneiden."

    "Auf dem Friedhof sehe ich Gräber,
    schön gepflegt mit Blumen und
    Sträuchern.
    Laßt mein Grab verwildern und
    gebt mir zu Lebzeiten die Blumen"
    Kristiane Allert-Wybranietz


Kindergrab auf dem Friedhof an der Bergstraße. Man muß Christians Eltern dringend Ratschläge zur Grabgestaltung geben. Die weiße Kiesschüttung und die Waschbetoneinfassung erinnern zu sehr an eine Garageneinfahrt. Der Grabstein ist genauso einfailslos. Ganz verzichten sollte man auf die Waschbetoneinfassung und auf die Plastikrahmung und "Fensterbrett" Einfassung der Nachbargräber.

Zu einem Kindergrab passen viel eher kleine Wildblumen wie:
Vergißmeinnicht (Myosotis sylvatica), Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor), Klatschmohn (Papaver rhoeas), "Pusteblume" Löwenzahn (Taraxacum officinale), "Butterblume" Hahnenfuß ',(Ranumculus spec.), Gänseblümchen (Behls perennis) und die Schlüsselblume (Primula spec.), Glockenblume (Campanula spec.),-, Kornblume (Centaurea cyanus), Acker-Gänsedistel (Sonchus arvensis), Wilder Majoran (Origanum vulgare) etc.

Als Rahmenpflanzung stelle ich mir eine Zwergbirke (Betula nana), eine kleine Weide z. B. Zwerg-Purpurweide (Salix, gracilis), einen Stachelbeerstrauch (Ribes uva-crispa) in hochstämmiger Bäumchenform oder einen anderen Lieblingsbaum des Kindes vor.

4.3 Neue Möglichkeiten

Um die Bedeutung von Wildpflanzen und ökologischer Grünflächenpflege zu erläutern, habe ich einen Bericht vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschlands (B.U.N.D.) und ferner ein Referat von Hildebert de la Chevallerie zusammengefaßt

Wildpflanzen müssen geschützt werden, denn vom Artenreichtum der Pflanzen und Tiere hängt die Stabilität der natürlichen Umwelt ab. Die Ausrottung der Wildpflanzen erfolgt unter anderem durch Herbizide z. B. in Parks, öffentlichen Grünanlagen und Friedhöfen. Hier besteht jedoch nicht das Problem der Ertragsoptimierung, man kann also Wildkräuter ohne Rücksicht auf Rentabilitätsfragen wachsen lassen.

Wildkräuter beeinträchtigen die Erholungsfunktion eines Parks oder Friedhofs nicht im geringsten, sein Angebot an ästhetischen Erlebnissen und Bildungswerten steigert sich sogar. Wildpflanzen gelten leider immer noch als "Unkräuter" und werden dementsprechend bekämpft. Durch Herbizideneinsatz entsteht ein vergifteter Lebensraum, ein "Todesstreifen", dem auch unzählige Schmetterlinge und Käfer zum Opfer fallen. Ökologische Grünflächenpflege bedeutet:
- die Lebensgemeinschaft Boden mit Bodenleben-Pflanzen- und Tierwelt (Edaphan) muß erhalten bleiben.
Verzicht auf chemische Mittel,
kein unnötiges Umgraben des Bodens Bodenlebens-Störung des Bodenlebens
kein Entfernen von Laub-Bodenschutz,-nahrung,
keine nackten Bodenflächen-Mulchen,
Wildkräuter müssen erhalten werden, allenfalls abmähen,
Verwendung von standortgerechten Pflanzen Z. B. wächst an Autobahnböschungen kaum noch potentiell natürliche Vegetation. Für diesen Extremstandort eignet sich z. B. die Ölweide (Eleagnus angusti, folia) aus dem Mittelmeergebiet bis zur Wüste Gobi, weil sie hochgradig un empfindlich gegen Bodenversalzung ist. "Südländer" sind besonders auf Extremstandorten (wie Stadt, Autobahn) standortgerecht.

Die Öffentlichkeit muß aufgeklärt werden:
- Laub ist kein Schmutz, sondern Pflanzennahrung
- Kraut, Moos und Gras zwischen Pflastersteinen ist nicht Unordnung, sondern Natur.
- "Unkraut" in Pflanzungen erfüllt ökologische Aufgaben.


Diese drei Punkte treffen für Grünanlagen mit belebtem Boden zu; auf Straßen kann Laub sogar gefährlich sein (Rutschgefah-r) und in Landwirtschaftlichen Intensivkulturen ist "Unkraut" ertragsmindernd.

Die Bekämpfung der "Unkräuter" auf Grünflächen erfolgt aus Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung" die vom innerhäuslichen Bereich auf die Natur übertragen werden.

Das gängige Gestaltungsideal ist ein makelloser Rasen, der einen möglichst einheitlichen Eindruck macht.

Solche "Naturüberwindungen" sind überholt und passen nicht mehr, in unsere Zeit, in der der Artenschutz eine der wichtigsten Aufgaben zur Erhaltung der menschlichen Kultur ist.

Monokulturen aus ästhetischen Gründen verbieten sich eigentlich von selbst, ebenso Herbizide zu ihrer "Pflege".

Nicht nur Schutz, sondern Förderung der Pflanzenvielfalt!

Viel Arbeit und Geld läßt sich sparen, wenn man die Wildpflanzen nicht bekämpft, sondern als Gestaltungselemente verwendet.

"Ökologie ist Langzeitökonomie." (Konrad Lorenz)

Viel abwechslungsreicher als der artenarme "englische Rasen" wirkt der Kontrast zwischen einem "bunten Rasen" mit einem hohen Anteil an schönen blühenden Kräutern, wie Gänseblümchen (Bellisperemis), Ehrenpreis (Veronica spec.), Habichtskraut (Hieracium spec.), Löwenzahn (Taraxacum officinale) etc. und einem belastbaren Trittrasen.
Man soll stehen lassen, was da wächst!
Die geringe Pflege, die auch Wildpflanzen benötigen, wird leicht durch die Ersparnis aufgewogen, die sich erzielen läßt, wenn der "bunte Rasen" nur noch zweimal im Jahr gemäht wer- den braucht.
Würde man auf Frei- und Erholungsflächen die Pflanzenvielfalt nicht bekämpfen, sondern fördern, könnten sich dort Biotope von hohem ökologischem Wert bilden als Beitrag zum biologischen Gleichgewicht.

Die Wertschätzung von Monokultur und "aufgeräumter Natur" auf Grünflächen stellt im Grunde eine "Perversion des Schönheitsempfindens" dar.

Wieviel schöner, interessanter und lehrreicher ist dem gegenüber eine artenreiche Gras- und Kräuterflur mit der mannigfaltigen Tracht ihrer Pflanzen und ihrem attraktiven Blütenflor. Ökologie und Gartenkunst sind keine Gegensätze: Versailles ist Jahrhunderte auch ohne Chemie ausgekommen (allerdings waren dort auch über 400 Gärtner beschäftigt). Jedoch muß man im denaturierten Stadtklima vor allem Straßenbäume und Emissionsschutzpflanzungen intensiv pflegen (d.h. auch mit Flüssigdünger).

Im Flächennutzungsplan würde ich differenzieren zwischen:
naturbelassenen Freiräumen Sukzessionsflächen, Feuchtgebiete, Naturschutzgebiete, naturnahen extensiven Freiräumen, Wiesen, Felder, Wälder, extensive Parkanlagen und naturnahen intensiven Freiräumen, Stadtparks, Siedlungsgrün, Bäume.

Die Wildwiese kann sich auf Freiflächen und unbelegten,Grabflächen des Friedhofs ausbreiten. Durch pflegeextensive Bewirtschaftung wird ein etwas verwunschener und verwilderter Eindruck erzeugt. Je mehr Geräteeinsatz, dest größer ist der Schaden für die Anlage !
Also möchte ich den Gebrauch von Maschinen und Geräten auf dem Friedhof weitgehend einschränken.bis auf notwendige Hand- werkzeuge wie Sense, Spaten etc. Durch die Rückkehr zur Hand- arbeit werden nicht zuletzt auch zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.
Wildwiesen können entweder zweimal im Jahr gemäht (Sense) oder durch Beweidung (Schafe) kurzgehalten werden.

Folgende Grunsätze möchte ich anwenden:
1. den größten Artenreichtum anstreben
2. Kein Leistungszwang durch Kunstdünger
3. alte Äste und Laub sollen liegenbleiben
4. Vielgestaltigkeit und Kleinzelligkeit

Pestizide, Herbizide und Insektizide und Kunstdünger sind auf dem Friedhof unsinnig. Ich bevorzuge organischen Dünger aus kompostierten Friedhofsabfällen. Auf den nicht belegten, verwilderten Grabflächen ist die größte Artenvielfalt anzutreffen, vor allem Insekten, Spinnen und Vögel konzentrieren sich auf diese Stellen.

Ich möchte möglichst viele Hecken pflanzen, weil sie unter anderem als Lebensraum für Vögel, Kleinsäuger und Insekten aber auch als Sichtschutz und zur Gliederung der Gräber dienen (Siehe auch Seite 28)

Hecken bilden auch schattige, etwas feuchte Ecken, in denen Reisig, Aststücke, morsche Bretter und Wurzelstubben langsam zerfallen. Diese "Moderecken" locken viele Spinnen, Insekten und sogar Igel und Kröten an. Schattenpflanzen, Gräser, Moose, Farne und Pilze gedeihen auf dem Holzmulm.

Leider gehen von diesem "Moderplatz" auch Pilzkrankheiten und Schädlinge aus, deren Gefahren jedoch geringer sein werden als seine Vorteile.

Gemüse, Beerensträucher und Obstbäume sind auf einem Wildfriedhof gut vorstellbar:

    "Herr von Ribbeck im Havelland. ... da sagte von Ribbeck:
    "Ich scheide nun ab. Legt mir eine Birne mit ins Grab !"
    ... und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
    ein Birnbaumsprößlich sproßt heraus.
    Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
    längst wölbst sich ein Birnbaum über dem Grab.
    ... Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
    so flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?
    ... So spendet Segen noch immer die Hand
    des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland."
    Theodor Fontane


Als mögliche neue Bepflanzung auf dem.,Friedhof schlage ich vor allem standortgemäße Pflanzen vor, weil sie meistens billiger und krankheitsresistenter sind.
Ein Nebeneinander von Zuchtformen und Wildpflanzen kann sehr reizvoll sein. Hier ein paar Beispiele:
Alle schon erwähnten Symbol-, Heil-, Gift-, Gewürz- und Wildkräuter Wilde Tulpe (Tulpia sylvestris), Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum), Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor),
Pilze (Fungi),
Gräser (Gramineal, Poaceae), (Cyperaceae, Juncaceae).
Pflanzen der "Roten Liste": (Fritillaria meleagris) Schach- blume etc.,
Wasserpflanzen (Hydrophyten): Teichrose (Nuphar Luteum) etc.,
Sumpfpflanzen (Helophyten): Rohrkolben (Typha spec.), Sumpf-Calla (Calla palustris),
Wildes- und Edles-Obst: (Pyrus chras) Wildbirne, Apfel (z. B. Cox Orange) (Malus dam).,
Ruderalpflanzen: Gewöhnliches Leinkraut (Linaria vulgaris) etc., githaga),
Acker"unkräuter" (Segetalpflanzen): Kornblume (Centaurea cyanus), Kornrade (Agrostemma Hochstamm-Puchsie (Fuchsia x hybrida)
Haqedorn: Weißdorn (ratsegus spec.), Schwarzdorn oder Schlehe (Prun us spinosa), Wildrosen (Rosa spec.)
Ranker: Efeu (Hedera helix), Wein (Vitis spec.), Hopfen (Humulus spec.), Schlingknöterich (Polyganum anbertii), Kletterrosen (Rosa spec.) Brombeere (Rubus fructicosus) etc., Kugelweide (Salix purpurea "gracilis").", sonstige Weiden, Robinien z. B. Robinia pseudoacacia "Umbraculifera" und andere Robinien, Sanddorn (Hippophaerhamnoides), Rotdorn (rataegus monogyna var. rubra), Vogelbeere (Sarbus aucuparia), Berberitze (Berberis spec.), Gieditschie (Gleditsia triacanthos), Ulme (Ulmus spec.) Platane (Platanus x aceifolia), Pappel (Populus spec.), Ahorn (Acer spec.), Eiche (Quercus spec.), Birke (Betula spec.)

Trauerformen von: Birke, Weide, Esche (Fraxinusexcelsior var..) Buche (Fagus sylvatica "Pendula"), Ulme, Rose etc. Weiäe (Salix alba "Tristis"), Birke (Betula verrucosa "Tristis") etc.,
Pyramidenformen von: Hainbuche (Carpinus betulus fastigiata) Eiche (Quercus pendunculata "Fastigiata"), Pappel (Populus nigra,"Italica"), Vogelbeere, Robinie, Gleditschie etc ' .,
Hecken aus: Eibe (Taxu baccata), Hainbuche, Liguster (Ligustrum spec.), Wildrose, Weißdorn, Buchs (Buxus sempervirens var.), etc.

5. Grabmale

5.1.1 Grabmalgestaltung

Wenn man bedenkt, daß das Grabmal bei den alten Ägyptern (Pyramide), Griechen (Mausoleum) und Römern oft die höchste Kulturform war, dann ist das lieblose Gedenken an unsere Toten heutzutage beschämend.

Grabmale sollten so individuell sein, wie die Menschen, für die sie entworfen und ausgeführt worden sind.

Leider beherrschen immer noch tausendfach kopierte Fabrikgrabsteine das Friedhofsbild, meist hochglanzpoliert und in Scheibenform sowie. mit ungenügender Schriftgestaltung.

Ich möchte die letztlich doch vorhandene Verbindung zur Natur wiederherstellen und den Geschmack wegführen vom Hochglanzstein und hinführen zu gemeißelten Strukturen, sowie mehr Wert legen auf die inhaltliche Bewältigung des Motivs und der Idee.

Grabsteine sollen nicht den Wohlstand kundtun, sondern eher den guten Geschmack und das ökologische Bewußtsein des Verstorbenen und seiner Familie repräsentieren und persönlichkeitsbezogen sein.

Zu unpersönlichen Grabsteinen werden nachgeborene Familienmitglieder keine Beziehung mehr haben.

Ein lebendiges Andenken an einen Menschen ist keine Frage der Grabmalgröße oder des Marmorpreises, sondern eine Frage der inneren Haltung: gebe ich mich mit dem Andenken zufrieden, das schon tausenden anderer Verstorbener gesetzt worden ist ?

Oder ehre ich den Verstorbenen durch einen Grabstein, der eine individuelle Aussage trägt. Über ihn selbst, seine Familie, sein Leben und seine Zeit.

Wie teilweise unsere Vorfahren, so nehmen auch heute noch einige Naturvölker Dinge aus ihrem Leben oder Steine aus ihrer Umgebung, um eine Grabstelle zu bezeichnen.

Denn warum soll ein Grabmal nicht auch ein Objekt sein das schon zu Lebzeiten zu unserer Umgebung gehörte ?

Der Steinmetz hat den unmittelbaren Kontakt zum leidtragenden Kunden, deshalb ist seine Beratung sehr verantwortungsvoll und für den Wert des Grabmals nach Form und Inhalt entscheidend.

Zwei Grundregeln zur Grabmalgestaltung:
1.) harmonische Einfügung in die nächste Umgebung und das ganze Gräberfeld.
Größe, Form, Farbe und Material sind dafür maßgebend;
schon vorhandene Bepflanzung (vor allem Bäume) sowie Licht und Schatten müssen berücksichtigt werden.
2.) die Aussage des Grabmals, die mit der Bearbeitung, der Inschrift und den Symbolen zum Ausdruck kommt.
Nur weiße oder hochglanzpolierte Steine werden "schmutzig". Ein steinmetzmäßig bearbeiteter Stein kommt erst durch Witterungseinflüsse über Jahre hinweg zu seiner vollen Schönheit. Vorausgesetzt, man hat diesen Prozeß nicht durch ständiges Putzen verhindert.

Wirkliche Handarbeit ist von keiner Maschine zu erreichen, eine freihändig geschlagene Kante wirkt so lebendig, wie ein gezeichneter Strich. Mit dem Linieal gezogen wirkt er starr.

Kein Format paßt besser zu einem Grabmal als die schlanke, hochstehende Form, die Stele: Sie wächst wie ein Baum aus der Erde und symbolisiert die Gestalt des Menschen und den christlichen Gedanken der Auferstehung.

Bestimmte Pflanzen (Sträucher, Bäume, Wacholder (Juniperus communis), Wein (vitis spec.), Rosen (Rosa spec.), Eiben (Taxus baccata) etc. können auch nach der Einebnung des Grabes als "lebendiges Grabmal" weiterleben. Auch Leo Tolstoi hat als junger Mensch die Bäume gepflanzt, die heute sein Grab beschatten.

Einen zum Wildfriedhof passenden Grabstein stelle ich mir so vor:
Größe: zwischen einem halben Meter und Menschengröße
Form: Stele, sehr körperhaft, durchdrungen, allseits gestaltet.
Material: poröses, leicht verwitterndes, gut bearbeitbares Gestein wie Sandstein, Muschelkalk oder Basalttaff. Farbe: helle Farben, freundlich.
Bewuchs mit Efeu, Mosen und Flechten.
Keine Ganzabdeckungen mit Grabplatten - Bodenversiegelungen.
Sehr wichtig ist auch eine unaufdringliche klare Schriftgestaltung.

5.2. Symbole

Viele aussagekräftige und dekorative Symbole auf Grabsteinen, vor allem aus dem 19. Jahrhundert stellen einen direkten Bezug zum Tode und zum Verstorbenen her.

  • Rosen: Anmut (geknickte Rosenzweige).
  • Fackel: (umgekehrte) ausgelöschtes Leben
  • Mohnkapseln: Schlaf, Vergessen
  • Schädel: Vergänglichkeit.
  • Sanduhr: Stundenglas, Verrinnende Zeit, Tod
  • Eule: geistige Finsternis, religiöse Erkenntnis oder auch Christus, als das Licht, das die Finsternis erhellt .
  • Pelikan: aufopfernde Elternliebe, für Christus Opfertod
  • Nachtigall: Himmelsehnsucht.
  • Vögel: Verkörperung des Immateriellen und der Seele.
  • Schlange: sich in den Schwanz beißend, Ouroboros. Unendlichkeit, ewige Wiederkehr.
  • Die Sphinx ist in der griechischen Sage ein geflügelter Löwe mit Frauenkopf. Sie versinnbildlicht das Rätselhafte, und di Frau.und Natur.
  • Kranz: Zeichen des errungenen Heils.
  • Blumenstrauß: Einheit in der Vielfalt
  • Lorbeerblätter und Eichenlaub: Ruhm und Sieg.
  • Anker: Hoffnung, Treue, Beständigkeit
  • Dreieck: Gottessymbol, mit Auge - Dreifaltigkeitssymbol.
  • Laubbaum: Mit seinen jährlich sich erneuernden Blättern ist er vor allem Symbol der den Tod stets aufs neue besiegenden Wiedergeburt des Lebens
  • Weintrauben: Sinnbild des verheißenden jenseitigen Reiches, in das der Verstorbene eingegangen ist. Frieden und Wohlstand.
  • Baumkreuz: Todesüberwindung.
    "Grabstein kommt aus der Erde heraus.
    Sonnenauf- und -untergang. Büderischer Friedhof, Meerbusch
  • Kreuz: Leid und Triumph Christi, Symbol des Christentums.
    Mit Efeu umwachsen.
    Heerdter Friedhof, Düsseldorf
    Steine von Joseph Beuys.
  • Lyra: göttliche Harmonie, harmonische Verbindung zwischen Himmel und Erde.
    Attribut des Gottes Apollo, Musik und Poesie.
  • Akroterium: Giebelverzierung.
  • Schmetterlinge: grch.: psyche.
    Die durch den körperlichen Tod nicht zu zerstörende Seele, Auferstehungs- und Unsterblichkeitssymbol, Metamorphose. Wegen der kurzen Lebensdauer und der raschen Vergänglichkeit auch Sinnbild'der leeren Eitelkeit und Nichtigkeit.
  • Lebensbaumzweige
  • Fisch: eines der ältestlen Geheimsymbole Christus,.
    Verkörperung Christi.
  • Akrostichon: griechisch
    Jesus Christus Gottes Sohn Heiland
    Die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort: ICHTHYS (Fisch)

5.3 Grabfeld

Ein Grabfeld sollte individuell, vielgestaltig und kleinzellig sein durch in Alter, Form, Farbe, Material und Größe unterschiedliche Grabsteine, durchgemischte Urnen-, Reihen- und Wahlgräber und durch aufgelockerte Grabreihen.
Nicht nach einer langweiligen, strengen Linie ausgerichtete Grabsteine sorgen für Abwechslung.
Bei einer "Rasterordnung" der Gräber ist die Abstimmung der Grabbepflanzung und der Grabmale oft problematischer als bei einer lockeren Ordnung.
Mit höchstens 50 Gräbern bleibt die Grabfeldgröße über- schaubar.

Der Baum als "Naturdach".

Wenn man die Fläche unter dem Baum pflastert, entsteht ein kleiner Innenhof evtl. mit Sitzbank. Dann müssen Grabsteine und Bepflanzung allseitig gestaltet werden.
Der Baum fungiert als Rahmenpflanzung für 12 Gräber. Aufgelockertes, großzügiges Gesamtbild, kreuzförmige Anordnung, kleinzellig, vielgestaltig, heimliche Ecke evtl. mit "Moderplatz" unter dem Baum.

5.4. Bestattungsformen

Die Urnenbestattung wird aus Kostengründen und Platzmangel immer populärer. Man kann Urnen, im Gegensatz zur Erdbestattung, auch an einen Teichrand aufstellen, von Rankrosen umschlungen oder auf einer kleinen Insel im Teich, auf einer Mauer, auf Terrassenstufen, unter Bäumen oder auf einer Wiese etc.

Bei der "anonymen Bestattung" wird die Asche der Verstorbenen auf einen bestimmten Quadratmeter einer Wiese verstreut. Pflegekosten entfallen, jedoch haben die Angehörigen kein Einzeldenkmal mehr. Solch ein "Gemeinschaftsgrab" kommt für Menschen in Frage, deren Grab ohne Pflege bleiben soll oder die keine Angehörigen mehr haben. Diese Art der Bestattung nimmt den geringsten Platz in Anspruch, die Asche düngt den Boden und die Grabfläche kann bepflanzt (mit Bäumen, Wiese etc.) und betreten werden.

Sicher gibt es noch andere Bestattungsformen, z. B. hat Albert Einstein seine Asche in den Wind blasen lassen, weil er gegen den Personenkult war, der sicherlich an seinem Grab betrieben worden wäre.

Für den Friedhof sind jedoch nur die Erd-, Urnen- und anonyme Bestattung von Bedeutung.

6. Einrichtungen

6.1. Wege, Mauern

Geeignet sind wassergebundene oder gepflasterte Wege mit Moos und Gras in den Zwischenräumen, umsäumt von Wegrandpflanzen. Hauptwege verbinden alle wichtigen Ziele wie: Ausgänge, Kapelle, Grabfelder, Toilette, Restaurant, Brunnen, Regendächer, Verwaltung etc. Ich möchte das Wegesystem an die örtlichen Wanderwege anschließen und als Abkürzung zur Arbeit, Schule und zum Einkaufen nutzen lassen. Dazu sind Wegweiser sowie mehrere verkehrsgünstig gelegene Ausgänge nötig.

Die Wegeführung kann bis auf die Hauptwege, an verwinkelte Gassen einer südländischen Stadt erinnern.
Mauern aus Naturstein erbaut sind sehr teuer, man kann jedoch schon vorhandenes Material verwenden, z. B. alte Einfassungen, Grabsteine und Bauschutt. Dazu braucht man wenig Energie und keine Baumaschinen. Wenn die Mauer ohne Zement errichtet wird, so daß viele Spalten entstehen, wird für Eidechsen, Spinnen, Zimbelkraut (Cymbalaria muralis), Steinbrech, Finger-S. (Saxifraga tridactylites), Mauerpflege (Sedum spec.) Dlach-Hauswurz, (Sempervivum tectorum) etc. ein neuer Lebensbereich geschaffen; man kann sogar Grabplatten daran hängen.

6.2. Brunnen, Teiche

Hässliche "Wasserentnahmestellen" werden in kleine Teiche und Brunnen umgewandelt als Ziel und Attraktion eines kleinen Grabfeldes.

"Ein Laut durchdringt die Stille auf jenen Friedhöfen, die wir lieben, das ist der Klang des fallenden Brunnenstrahls".

Der Teich ist Lebensraum für Wasserpflanzen, Fische, Wasserflöhe etc., aus dem man an einer geeigneten Stelle Wasser schöpfen und am Teichrand Urnen aufstellen kann. Auch J. J. Raussean wurde wunschgemäß in seinem "sentimental-philosophischen Landschaftsgarten" auf einer kleinen Insel im Teich unter seinen Lieblingsbäumen, den Pappeln in einem freistehenden Sarkophag beigesetzt.

6.3. Bänke, Skulpturen, Abfall:

Auf jedem Grabfeld, an Aussichtspunkten, Plätzen, aber auch versteckt hinter einer Hecke oder Mauer können bequeme Bänke aufgestellt werden. Jedoch müssen sie in Größe, Farbe und Form mit der Umgebung harmonieren.
Ich wähle grüne oder braune alte restaurierte Parkbänke aus Holz mit zwei bis vier Sitzen mit verzierten eisernen Rahmen und Füßen.
Auf den Freiflächen stellen Künstler und Laien ihre Skulpturen, Sonnenuhren, Windmühlen etc. aus; Steinmetzen werben mit extravaganten Entwürfen und Bildhauer weisen mit ein paar Modellen auf ihre nächste Ausstellung hin.

Bei den Abfallkörben wird der organische Müll zu biologischem Dünger kompostiert und Metalle, Platik, etc. gelangen in Recycling-Betriebe. Ebenso wie die Bänke dürfen die Abfallkörbe keinesfalls das Gesamtbild des Friedhofs stören.

6.4. Gebäude

Eine Trauerhalle mit Angehörigen-, Pastorenräumen, Leichenzellen, Aufbahrungsgelegenheiten, Personalunterkünften etc. fÜr ca. 80 Trauernde soll etwa 2 Mio DM kosten mit über 200.000 DM jährlichen Folgekosten.

Jedoch ließe sich mit einer Holzkapelle, bescheideneren Dimensionen und Komfort viel Geld einsparen und weitaus sinnvoller für Bepflanzung und Pflege, verwenden. Die Gebäude sollten sich stark an die Friedhofslandschaft und die umliegenden Häuser anpassen z. B. mit Fassadenbegrünung, Grasdach, geringer Größe, Lehmbauweise oder Fachwerkbau etc.

7. Aktivitäten

7.1. Erholungs-, Bildungs-, Freizeitstätte

In einem würdevollen Rahmen ist auch auf einem Friedhof Radfahren, Wandern, Joggen und ein Spaziergang mit dem Hund vorstellbar.
Mann kann sich auf Parkbänken und auf der Wiese sonnen und Zeitung lesen und im Winter Spatzen, Enten und Eichhörnchen füttern. Händler könnten Vogelfutter und Friedhofsblumen verkaufen.
Ein Restaurant für den "Leichenschmaus" liegt am Rande des Friedhofs, ein Café lädt bei Klassischer Musik zu Kaffee und Kuchen ein.
In Sichtweite spielen Kinder im Sandkasten mit umherliegenden Ästen und Nüssen.
Teile des Geländes können als Lehr-, Nutz- und Lerngarten und als Allemende genutzt werden.

Besonders lehrreich ist ein kleiner botanischer Garten mit Wild-, Heil-, Gift-, Gewürz- und Kultpflanzen.
Hinweisschilder beschreiben die Verwendung und Geschichte der Kräuter.

Ein Kleinzoo mit Insekten, Spinnen und Vögeln ist auch möglich.

Kurse der Volkshochschule für Architektur-, Geschichte, Bildhauerei, Botanik, Gesteinskunde, Schriftkunde, Töpfern, und Malen etc. können sich vom Friedhof inspirieren lassen.

Auf einem Versammlungsplatz können besonders zu Festtagen Platzkonzerte und Feldgottesdienste abgehalten werden.

    "Auf seine Raupenhülle sieht,
    Wenn ihn die Morgensonn'
    umglüht,
    Der neue Schmetterling
    herab,
    Wie ein Verklärter auf sein Grab"
    J. G. Jacobi


Im Mittelalter war der Kirchhof sogar Treffpunkt, Handelsplatz und Freizeitstätte für die Lebenden.

7.2. Bürgerbeteiligung

Jeder kann durch schöpferische Handarbeit an der Gestaltur seines Friedhofs mitwirken, hier etwas hinzufügen und dort etwas wegnehmen.

Alle interessierten Bürger könnten sich noch zu Lebzeiten ihr eigenes Grab frei aussuchen und wie einen Schrebergarten pflegen. Allerdings ist dies sehr teuer und platzaufwendig.

Die Verwaltung muß gemeinsam mit den Bürgern, Steinmetzen und Gärten Beschlüsse fassen und die Friedhofssatzung erarbeiten. Nach Absprache können auch Wege verändert, Mauern gebaut, Hecken gepflanzt oder selbstgemachte Skulpturen aufgestellt werden.

Bei den heutigen komplexen Lebensverhältnissen können Politiker und Verwaltung kein Problem mehr ohne das Gespräch mit den Bürgern voll erfassen, deswegen ist die Bürgerbeteiligung besonders bei Umweltproblemen elementar. Irreparable Fehler können somit fast immer vermieden werden.

    "Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen"
    Pearl S. Buck


8. Quellen

1. "Der Naturgarten" von Urs Schwarz, W. Krüger-Verlang 1981
2. "Natur ausschalten-Natur einschalten" von Louis G. Le Roy, Klett-Cotta 1983
3. "Düsseldorfer Friedhöfe und Grabmäler" von Inge Zacher, Schwann-Verlag 1982
4. "Steine aus der Werkstatt von Fritz Meyer" von Fritz Meyer, Probeexemplar 1983
5. "Nekropolis" von Michael Ruetz, Hauser-Verlag 1978
6. "Mittelrheinische Steinkreuze aus Basaltlava" von Kurt Müller-Veltin, Verlag Gesellschaft für Buchdruckerei AG, Neuß 1980
7. "Herder Lexikon, Symbole"
8. "Lexikon der Symbole" von Gerd Heinz-Mohr, Eugen Diederichs-Verlag 1972
9. "Die Welt der Symbole" von Dorothea Forstner, Tyrolia-Verlag 1967
10. Diplomarbeit "Der Friedhof in der Großstadt" von Julia Westhoff 1982
11. "Wildnis - in der Stadt" Diplomarbeit von Heike Langenbach 198
12. "Garten- und Landschaft" Fachzeitschrift 6/80, 1/81, 6/81
13. "anthas" Fachzeitschrift aus der Schweiz 4/81, 2/82
14. "Johann Georg Jacobi" sämtliche Werke, 7. Band, Zürich, 1819 S. 236
15. "Caspar David Friedrich" von H. Börsch-Supran und C.W. Jähnig 1974/75
16. "Praxis der Friedhofsgärtnerei",von Hempelmann 1923
17. "Grabmäler in Berlin III von Peter Bloch und Ludwig Scherhag Informationszentrum Berlin 1980
18. "Laubgehölze" BdB-Handbuch, Klett-Flora-Druck 1979
19. "Lexikon der Pflanzenwelt" von Hartmut Bastian, Ullstein 1973
20. Fachzeitschrift "Natur" 11/ 83 S . 79 ff , J . Dahl : "Ein Platz für Wildgräser".
21. "Im Totengarten" von Peter Andreas, Harenberg 1983
22. "Der grüne Friedhof" vom Bayerischen Landesverband für Gartenbau und Landespflege 1975
23. "Friedhof. Grüner Raum in der Stadt" von der Centralen Marketingges. der deutschen Agrarwirtschaft.

Zum Schluß möchte ich mich noch sehr herzlich bei Herrn Professor Hans Loidl und meinem Vater Edgard Bührmann für ihre Geduld und Unterstützung bedanken.