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Einkaufen: Wo gibt es denn ökologische Produkte und nachhaltig arbeitende Betriebe? 
Schluckspecht Bestattungsfahrzeug Der Öko-Bestatter, das Ökograbmal, Filzurnen und Pappsärge, Leichentücher aus Naturmaterialien, Grabmalrecycling - darüber berichten die Medien. Wo finden die Verbraucher aber in der Praxis Betriebe, die aus Überzeugung solche Produkte verkaufen - auch im Sinne einer unternehmerischen Sozialverantwortung?
Ob ein Betrieb von einer ökologischen Haltung bestimmt wird, sieht man vielfach schon von außen beim Blick auf das Betriebsgelände. Sind die Firmenfahrzeuge protzige Spritfresser? Liegen bei Handwerksbetrieben die Altlasten bereits in rostigen Fässern auf dem Grundstück verteilt? Gibt es Hinweise auf Ökosiegel?

Aussagen, wie "Wir verwenden Ökostrom" oder sichtbare Anlagen zur Nutzung von Sonnenenergie erlauben zumindest einen ersten positiven Eindruck. Auch Aufkleber mit "Wir bilden aus" können den guten Eindruck abrunden, gilt es doch in puncto Nachhaltigkeit auch wertige Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Wer auf Nummer Sicher gehen will, schaut sich beim Betrieb selbst um und fragt dort nach. Machen Sie sich ein Bild davon, ob es beispielsweise ein vielfältiges Angebot an ökologischen Produkten gibt. Bestattungsunternehmen könnten beispielsweise auch das Geschäftskonto bei einer nachhaltigen Bank haben, Einsatzwege und Behördengänge ökonomisch planen und wenn möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen.

Ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen wird in vielerlei Hinsicht auf seine Arbeitsweise und Haltung aufmerksam machen - ganz nach dem Motto "Tue Gutes und rede darüber". Dabei lohnt oftmals ein Blick auf die Firmeninternetseite. Dort wird ein solcher Betrieb ggf. über Maßnahmen berichten, um die eigene CO2-Bilanz zu verbessern oder zu Netzwerken gleichgesinnter Firmen verlinken. Ein solches Netzwerk bildet z.B. der Verein "Handwerk mit Verantwortung e.V." Wir haben den Vorsitzenden des Vereins interviewt, um mehr über die Hintergründe für nachhaltiges Wirtschaften von Betrieben zu erfahren.

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Interview mit Timothy C. Vincent, Vorsitzender des Vereins "Handwerk mit Verantwortung".

1.) Herr Vincent. Menschen, die in ihrem Leben stets auf ihre Umwelt geachtet haben, für die Ökologie mehr als nur ein Modewort war - diese Menschen suchen eventuell auch auf ihrem letzten Weg professionelle Partner, Dienstleister und Betriebe, die nachhaltig wirtschaften und nicht nur einige wenige Bioprodukte anbieten. Wie kann man solch nachhaltig ausgerichtete Betriebe finden?

Vincent: Es zeigt sich in den letzten Jahren, dass Nachhaltigkeit im Führungsansatz in Handwerksbetrieben an Bedeutung gewonnen hat und sich dadurch das Handwerker-Image stärken lässt wie auch neue Märkte und Zielgruppen angesprochen werden können. Nachhaltigkeit wird also als Ziel in die Strategie der langfristigen Existenzsicherung und der gesellschaftlichen Nutzungsorientierung eingebettet. Hier stellen sich dann die Fragen nach der Zuverlässigkeit der getroffenen Aussagen, der Transparenz der Produktionskette und der Qualität und dem Preis der Produkte. Von außen betrachtet ist das nachhaltige Engagement eines Betriebes allerdings nicht klar zu erkennen. Nicht viele Unternehmer gehen offensiv mit ihrem sozialen, ökonomischen und ökologischen Engagement um, denn dies schafft Verbindlichkeit. Man kann „hinter“ sein Tun und Sagen nicht mehr zurück. Diese Haltung des Unternehmers zu erkennen, ist erst durch die Beschäftigung bzw. Auseinandersetzung mit dem Betrieb und seinen Produkten möglich.

2.) Sie sind Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins "Handwerk mit Verantwortung e.V.". In diesem Verein haben sich nachhaltig wirtschaftende Unternehmen zusammengeschlossen. Wie sieht denn Nachhaltigkeit bei Betrieben in der Praxis aus?

Vincent: Nachhaltigkeit oder präziser nachhaltiges Wirtschaften ist definiert als das Erreichen ökonomischen Erfolgs in einer Art und Weise, die Menschen (Mitarbeiter, Lieferanten, Kunden, etc.), die Umwelt und ethische Werte achtet und einen sorgsamen und vorsorgenden Umgang damit schafft. Dies stellt vor allem insofern eine zunehmende Herausforderung für Handwerksunternehmen dar, weil Nachhaltigkeit gerade auf Konsumentenseite als Forderung an Bedeutung gewinnt. Die Umsetzung dieser Anforderungen ist nicht immer einfach und erfordert ein Umdenken bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens über das bloß wirtschaftliche Interesse und monetären Erfolg hinaus. Nur so kann nachhaltiges Wirtschaften von den Betrieben authentisch und identitätsstiftend kommuniziert werden. Nachhaltige Betriebe wirtschaften in ihren Möglichkeiten mit Bedacht. Sie beziehen ihre Materialien und Betriebsmittel verantwortungsvoll, d.h. unter Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Gesichtspunkte. Durch den Bezug dieser Mittel aus dem regionalen wie auch dem europäischen Wirtschaftsraum wird das daraus Hergestellte wieder zu einem verlässlichen Produkt, abseits von Diskussionen über unmenschliche Produktionsbedingungen, unzuverlässiger Zertifizierung und ökologischer Risiken. Dabei fertigen sie im eigenen Betrieb oder lassen in heimischen Unternehmen produzieren und vermeiden lange und unnötige Transportwege. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Förderung von Re-und Upcycling von Gebrauchsgegenständen und die Beratung hin zur Reparatur.

3.) Wir haben ja mit unseren Bestattungsgesetzen und den regionalen Friedhofssatzungen Regelungen, die per se Umweltverträglichkeit bei der Bestattung einfordern. Sind die Gesetze und Regelungen zu lasch - gibt es Verbesserungsbedarf?

Vincent: Friedhofssatzungen regeln vor allem Umweltverträglichkeiten im Umkreis des jeweiligen Friedhofs, beispielsweise zum Schutz des Grundwassers vor Ort. Auf ökologischen Wahnsinn des massenhaften Imports von Grabmalen aus aller Welt gehen die Bestattungsgesetze und Regelungen nicht ein. Hier besteht deutlicher Verbesserungsbedarf. Glücklicherweise kommen Nachhaltigkeitsthemen allmählich auf die Tagesordnung der Politik. Im Oktober 2014 trat das neue Bestattungsgesetz in NRW in Kraft. Hier wird im § 4a auch der Umgang mit Grabmalen aus Kinderarbeit geregelt. Das Gesetz besagt, dass Grabmäler und Grabeinfassungen aus Naturstein nur auf einem Friedhof aufgestellt werden dürfen, wenn "1.[...] bei der Herstellung von Naturstein nicht gegen das Übereinkommen Nr. 182 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verstoßen wird, oder 2. durch eine Zertifizierungsstelle bestätigt worden ist, dass die Herstellung ohne schlimmste Formen von Kinderarbeit erfolgte [...]". Das Übereinkommen Nr. 182 der ILO besagt u.a., dass Kinder Menschen unter 18 Jahren sind und dass sie vor "Arbeit, die ihrer Natur nach oder aufgrund der Umstände, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich ist", geschützt werden müssen. In Indien ist Kinderarbeit die Beschäftigung Minderjähriger unter 14 Jahren und ist weitgehend reglementiert und eingeschränkt, aber nicht grundsätzlich verboten. Nach einer Studie von 2015, durchgeführt von dem Indischen Komitee der Niederlande (ICN) zusammen mit der unabhängigen Anti-Kinderarbeit-Institution SCL - Stop Child Labour - lassen sich wohl kaum noch Kinder unter 14 Jahren in den begutachteten Steinbrüchen finden, aber die Erwerbstätigkeit von Minderjährigen über 14 Jahren in Steinbrüchen ist weiterhin hoch, zumal Indien die ILO-Normen 182 (schlimmste Form von Kinderarbeit) und 138 (Mindestalter) nicht ratifiziert hat.
Meiner Meinung nach sollte das Bestattungsgesetz über die ILO Übereinkunft 182 hinaus auf alle Kernarbeitsnormen erweitert werden, denn, gesetzt es gehen nachweislich keine Minderjährigen einer Erwerbstätigkeit in den Steinbrüchen nach, so gilt es bei der Produktion von Grabmalen weitere Übereinkommen einzuhalten, wie z.B. die Versammlungsfreiheit, gerechte Löhne, Abschaffung der Zwangsarbeit. Des Weiteren muss der Arbeitsschutz nach europäischem Maßstab gewährleistet sein.

Handwerk mit Verantwortung e.V.
Der 2015 gegründete, gemeinnützige Verein stellt für den Kunden eine Hilfe bei der Suche nach verantwortungsvoll arbeitenden Unternehmen dar und zeigt den Weg zu nachhaltigen Produkten.
Die Betriebe des Netzwerkes beziehen ihre Materialien und Betriebsmittel verantwortungsvoll, d.h. unter Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Gesichtspunkte.
E-Mail: info@handwerk-mit-verantwortung.de
Web: www.handwerk-mit-verantwortung.de

Timothy C. Vincent...
... ist Vorsitzender von "Handwerk mit Verantwortung". Er arbeitet als Steinbildhauer in Wetter an der Ruhr.
Steinbildhauerei-Vincent
Reme Straße 20
58300 Wetter
Tel: 02335 / 88 05 03
E-Mail: info@steinbildhauerei-vincent.de
Web: www.steinbildhauerei-vincent.de
4.) Bedarf es des betrieblichen Engagements über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus?

Vincent: Diese Frage lässt sich nur mit Blick auf die Unternehmerpersönlichkeit und seines Verständnisses von Gemeinwohl, persönlichem Glück, Verantwortung und Denken beantworten. Die Befassung mit künftigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Veränderungen weist rechtzeitig auf die Notwendigkeit betrieblicher Anpassungsstrategien hin. Gesetzliche Bestimmungen stellen in der Regel nur die Mindestanforderung des überhaupt Möglichen dar. Wer sich hiermit zufrieden gibt, vertritt die Haltung eines Erfüllungsgehilfen übergeordneter Normierungen und Regularien und wiegt sich und andere in Sicherheit, „alles gemacht zu haben, was man machen kann“. Dass es ein Darüber-hinaus gibt, zeigt das tiefer- und weitergehende Engagement vieler Menschen, die auch Ergebnisse Ihres Handels sehen und spüren wollen, die Ziele verfolgen, in denen das Gegenüber, die Um- und Mitwelt einbezogen sind. Veränderung setzt Änderung voraus und diese vollzieht sich im Denken. Die stumpfe Erfüllung von Vorschriften ist eben kein Engagement, denn dem Wortsinn nach bedeutet Engagement, mit starkem persönlichen Interesse entschieden für eine Sache einzutreten.



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