Startseite | Aktuelles Aktuelles-Archiv Archiv 2007 | Totenkleidung. Zur Konstruktion von Tod und Geschlecht in der materiellen und visuellen Kultur

Totenkleidung. Zur Konstruktion von Tod und Geschlecht in der materiellen und visuellen Kultur

Arbeitstagung vom 24. bis 26. April 2008 in Oldenburg | | 0 Kommentare |

Veranstalter: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Universität zu Köln, Katholisch Theologische Privatuniversität Linz

Seit den 1980er Jahren formulieren sich in der Kulturwissenschaft deutliche Interessen am Phänomen des Todes: Sterblichkeit ist Gegenstand zahlreicher Disziplinen. Für Autoren wie Thomas Macho (2005) weist eben diese neue Sichtbarkeit des Todes und der Toten in Künsten, Medien, Biotechnologie, Bestattungsritualen und öffentlichen Debatten auf neue Symbole und Rituale hin und erzwingt die Revision von Todesverdrängungsthesen, wie sie in der Moderne formuliert und von der Nachmoderne kritisiert worden sind.

Mit dem Wandel von Todes-, Menschen- und Körperbildern, durch die Pluralität religiöser Kulturen und Glaubensverständnisse verändern sich Bedeutungen und Funktionen des Leichnams, dessen, was ihn umgibt und an ihm verrichtet wird. Welche Fragen stellen sich für europäische, traditionell christlich geprägte, doch zunehmend durch unterschiedliche Weltanschauungen und ethnische Diversifikation beeinflusste Gesellschaften? Welche kulturellen Werte determinieren das Verhältnis einer alternden Gesellschaft zum Tod, deren kollektives Gedächtnis vom Holocaust geprägt ist?

Von diesen Fragen hinterblendet, gilt unser zentrales Interesse der Totenkleidung. Mit diesem Begriff fassen wir auch die Kleidung Sterbender, Kleidungsnachlässe, insofern sie als Repertoire fungieren, aus dem die Totenkleidung ausgewählt wird, die Zurichtungspraktiken des Leichnams und dessen Umgebungstextilien. Darüber hinaus interessiert uns Architektur, die im Anschluss an die Deutung der Kleidung als der "zweiten Haut" als "dritte Hülle" verstanden werden kann. Wir möchten neue Symbole/Rituale im zeitlichen Rahmen des 19. bis 21. Jahrhunderts erkunden, indem wir "populäre" und "hochkulturelle" Produktionen sowie Alltagswelten in den Blick nehmen. Welche individuellen und kollektiven Parameter bestimmen die Totenkleidung? Konstruktionen von Körper und Geschlecht, soziale Beziehungen und Machtgefüge lassen sich durch den Blick auf materielle und visuelle Kulturen analysieren, Textilien sind deren wesentlicher Bestandteil. Sei es zu Lebzeiten, im Moment des Abschiednehmens von Toten, im Vorstellungsbild des eigenen Leichnams: Kleidung macht Körper bedeutend und Kleidung macht kulturell sichtbar - dies gilt auch für "das letzte Hemd".

Totenkleidung markiert Übergänge vom Leben zum Tod, ordnet auf der Grundlage dominanter Differenzmodelle wie Geschlecht, Klasse oder kulturelle Identität zu und grenzt ab. Herrichtung und Zurichtung des Leichnam verhandeln zwischen Körper und Seele, Innen und Außen, Eigen und Fremd, Individuellem und Kollektivem sowie Öffentlich und Privat. Kleiderinventare lassen sich als Orte des kollektiven kulturellen Gedächtnisses beschreiben, das allerdings eng mit dem sozialen, alltagsnahen Gedächtnis des Einzelnen verbunden ist. Unsere These ist, dass kollektive Gedächtnisprozesse westlicher Gesellschaften vor allem im Hinblick auf das "kulturelle Gedächtnis" mit harten, zeitfesten Materialien (Stein-Male) artikuliert werden, während für Prozesse des "kommunikativen Gedächtnisses" weiche, körpernahe, alltägliche Materialien eine maßgebliche Rolle spielen. Monument und Ritual lassen sich dabei nicht ineinander abbilden: Grabmale aus Stein haben eine andere Halbwertzeit und einen anderen Handlungskontext als Textilien. Übernehmen die Grabmale die (monumentale) Stellvertretung in der Dauer, so sind Toten- und Trauertextilien an das Ritual gebunden, indem sie die AkteurInnen und die Wiederholung brauchen, um am kollektiven Gedächtnis zu arbeiten.

Themen:
A Totenkleidung und Alltagswelt
Welche Vorstellungen werden von sozialen AkteurInnen zur eigenen Totenkleidung formuliert?
Welches Bild haben MedienkonsumentInnen von sich selbst als Tote und wie werden sie bzw. der Tod in populären Medien dargestellt?
Aus welchen Bekleidungsinventaren, Umgangsgewohnheiten, Ästhetiken wird geschöpft, welche Vorbilder sind erkennbar?
In welchem Verhältnis stehen alltägliche Bekleidungspraktiken, Mode und Totenkleidung?
Wie generiert Totenkleidung Emotionen und Affekte der AkteurInnen?
Aus welchen Repertoires schöpft die (textile) Architektur, das Setting, des Abschieds- oder Aufbahrungsraumes oder des Krematoriums? Wie eigenen sich die AkteurInnen in der Aufbahrungssituation Positionen, Handlungs- und Deutungsfelder an?


B Materiale Repräsentationen von Tod in künstlerischen Positionen Wie bringen künstlerische Arbeiten den Tod mittels textiler Materialen bzw. deren Darstellung in die gesellschaftliche Kommunikation ein?

C Totenkleidung und Erinnerungskultur Wie trägt Totenkleidung in unterschiedlichen Kontexten zur Bildfähigkeit des Leichnams bei?
Was macht das Besondere des textilen Mediums in der symbolischen Kommunikation zwischen Toten und Lebenden aus?
Wie macht das textile Medium den Tod individuell erfahrbar?
Wie wird die erinnerungsbildende Funktion von Abschiedsräumen erzeugt?


D Dem Tod ein neues Kleid? Wie konstituiert Totenkleidung physische und imaginierte Körperlichkeit?
Welche Bedeutung und Funktion hat die Kategorie Schönheit?


E Totenkleidung, Gewalt und Gemeinschaft Wie stellt sich die vestimentäre, identitätspolitische Repräsentation Toter im Raum des Politischen dar? Wie re-produziert Totenkleidung Heimat und Gemeinschaft?
Wie werden Tote in populären Kriegs- und Katastrophendarstellungen repräsentiert? Welche Ein- und Ausschließungen, welche Bilder von Gewalt werden produziert?


F Totenkleidung, Migration, Konfessionalisierung und Kommerz Wie verändert sich die vestimentäre Repräsentation der Toten unter Migrationsbedingungen? Welchen Stellenwert hat die Totenkleidung für das Aufrechterhalten einer persönlichen kulturellen Identität?
Welche Symbolhaftigkeit und Ritualfunktion überliefert, verwirft oder reaktiviert Totenkleidung in Prozessen kultureller Vermischung? Wie beziehen sich dabei Geschlechter-, Todesbilder und Glaubensbekenntnisse aufeinander?
Wie vermitteln Bestattungsmärkte zwischen eigenen und fremden Ritualen/Symbolen?

Thematisch und methodisch vielfältige, gendersensible und kritische Auseinandersetzungen sind erwünscht. Wir freuen uns über Analysen der Handlungsebenen wie über Theoretisierungen symbolischer Praktiken und sozialer Handlungen. Tagungsanreise- und Übernachtungskosten werden übernommen, ein Honorar kann nicht gezahlt werden. Weiteres Vorgehen: Grundlage für die Kurzpräsentationen und Diskussionen auf der Arbeitstagung sollen bereits ausgearbeitete Beiträge sein; sie werden zur Vorbereitung an alle TeilnehmerInnen mindestens zwei Wochen vor Tagungsbeginn verschickt. Das hat Konsequenzen für den Vorlauf: Das Exposé Ihres Beitrags (max. 3000 Zeichen inkl. Leerz.), Standardschrift, Wordformat) und kurze Angaben zu Ihrer Vita senden Sie bitte per E-Mail bis zum 20. November 2007 an folgende Adressen: karen.ellwanger@uni-oldenburg.de; traute.helmers@uni-oldenburg.de; heidi.helmhold@uni-koeln.de; b.schroedl@t-online.de . Die Einladung der AutorInnen erfolgt nach Begutachtung bis spätestens zum 2. Dezember 2007. Die fertigen, ausgearbeiteten Beiträge müssen bis zum 15. März 2008 vorliegen, damit wir Ablauf/ Moderation abschließend planen und alles rechtzeitig versenden können. Zeitnah nach der Tagung ist eine Publikation der Ergebnisse vorgesehen, für die die Beiträge ggf. kurzfristig (6 Wochen) noch ein letztes Mal überarbeitet werden können, um Anregungen der Diskussion aufzunehmen. Wo dies nicht möglich ist, werden die Beiträge so veröffentlicht, wie sie zur Tagung vorliegen. Informationen unter: + 49 (0) 441-798-2653 (Sekr. des Seminars für Materielle und Visuelle Kultur) oder - 3802929 (Helmers, Koordination) oder direkt unter einer der E-mail-Adressen.

Prof. Dr. Karen Ellwanger, Seminar für Materielle und visuelle Kultur, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; Dr. Traute Helmers, freiberufliche Kulturwissenschaftlerin, Oldenburg; Prof. Dr. Heidi Helmhold, Institut Kunst & Kunsttheorie, Universität zu Köln; Dr. Barbara Schrödl, Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie, Katholisch Theologische Privatuniversität Linz.

Beitrag kommentieren