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Aufsatzband beleuchtet kritisch "Facetten der Pietät"

Was bedeutet der Begriff und welche Forderungen lassen sich ableiten? | | 0 Kommentare |


Im Bereich der Bestattungskultur ist immer wieder von Pietät die Rede. Insbesondere neue Trends und der Wandel im Bestattungswesen und eine zunehmend plurale Gesellschaft werfen verstärkt die Frage auf, was wir darunter verstehen. Forderungen nach mehr Freiheiten bei Abschied und Trauer werden in der Diskussion schnell als pietätlos gebrandmarkt. Der richtige Zeitpunkt, Licht ins Dunkel zu bringen und auf wissenschaftlicher Basis zu erfassen, was eigentlich hinter dem Begriff Pietät steckt und was daraus im Umgang mit Verstorbenen und Angehörigen folgt.

Der Begriff lässt sich "nicht isoliert und losgelöst von Zeit und Raum" betrachten. Darauf weist Dirk Preuß in dem Sammelband "Facetten der Pietät" hin, von ihm herausgegeben zusammen mit Lara Hönings und Tade Matthias Spranger. In philosophiegeschichtlicher, ethischer und juristischer Perspektive beleuchten die Autoren ausführlich und verständlich das Schlagwort, das der Duden als "Respekt, taktvolle Rücksichtnahme" umschreibt. Neben grundsätzlichen Fragen werden zahlreiche Einzelaspekte des pietätvollen Umgangs mit Verstorbenen und deren Überresten erörtert, zum Beispiel die Umbettung von Totenasche oder der Umgang mit Zahngold als Überrest von Einäscherungen.

Im ersten Teil beginnt Preuß bei den antiken Ursprüngen der Pietät, der lateinischen "pietas", deren Wurzeln vermutlich im Kult bzw. dessen Reinheit innerhalb von Familien und gegenüber Ahnen zu suchen sind. Im Laufe der Jahrhunderte erweiterte sich der Adressatenkreis - zum Beispiel auf Götter oder Machthaber. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fokussierte sich Pietät wieder auf Tote und Hinterbliebene und spätestens seit den 1990er Jahren nehmen sie die zentrale Position als Adressaten ein. Kritisch gibt Preuß zu bedenken, dass es sich bei Pietät um ein "bloß schmückendes, aber letztlich inhaltsleeres Schlagwort" handeln könne, "das herangezogen werde, um eine beliebige Position zu stützen oder Konkurrenten bzw. Gegner als impius bzw. pietätlos zu diskreditieren."

Eine moralphilosophisch begründete Ethik im Umgang mit den Toten - dargestellt im zweiten Teil - beruht laut Preuß auf dem "Nichtschadensprinzip". Pietät beinhalte die Rücksicht auf die Verletzlichkeit, den Schmerz und die emotionale Instabilität von Trauernden. Allerdings sei es "kaum möglich, allgemeingültige, kontextunabhängige Aussagen darüber zu treffen, welche Handlungen als pietätvoll gelten können und welche nicht." Was pietätvoll ist, hängt immer auch von den Gefühlen der Hinterbliebenen ab. Stoff für weitere Diskussionen.

Im dritten Teil, beim kritischen juristischen Blick, wird die Frage aufgeworfen, ob es sich bei Pietät überhaupt um einen feststehenden Rechtsbegriff handelt. In den Bestattungsgesetzen der Bundesländer taucht er nicht einmal auf. Die Rechtsprechung verweist in diesem Zusammenhang häufig auf das "sittliche Empfinden der Allgemeinheit". Was sich dahinter verbirgt, ist jedoch nicht definiert und darüber hinaus einem Wandel unterworfen, der zu wenig Berücksichtigung findet. Schwierig gestaltet sich im rechtlichen Zusammenhang auch die Abgrenzung der Pietät von dem Begriff der Totenwürde. Nicht selten finden hier Vermischungen statt, die die Unklarheit weiter vergrößern und Willkür Tür und Tor öffnen. "Es fehlt eine eindeutige inhaltliche Auffüllung, die den Begriff der Pietät tatsächlich greifbar macht", wie Hönings und Spranger kritisieren.

Neben vielen erhellenden Fakten und Hintergründen bietet "Facetten der Pietät" zahlreiche Anstöße weiterzudenken und kritisch zu hinterfragen. Das Buch verdeutlicht, welch komplexe Materie der Begriff der Pietät umfasst und wie achtlos und wenig differenziert - und mitunter interessengesteuert - er gebraucht wird. Die Autoren stellen gebräuchliche Denk- und Argumentationsmuster infrage und helfen, Diskussionen in Zukunft auf einer sachlicheren und wissenschaftlich fundierten Grundlage zu führen.

Dirk Preuß, Lara Hönings, Tade Matthias Spranger (Hrsg.):
Facetten der Pietät
Utz-Verlag
Preis: 49,- Euro
Erschienen: Juli 2015
ISBN: 978-3-8316-4334-9
424 Seiten

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