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Grabmal in Form eines Fingers verboten

Verwaltungsgericht gibt Friedhofsverwaltung Recht | | 0 Kommentare |

Grabmal in Form eines Fingers verboten
In einem aktuell ergangenen Urteil hat das Verwaltungsgericht Hannover bestätigt, dass eine Grabmalgenehmigung durch die beklagte Stadt verwehrt werden durfte. Der Kläger wollte auf dem Grab seiner Frau ein 1,80 Meter hohes Grabmal in Form eines Fingers aufstellen lassen. Das Gericht urteilte, dass die vom Kläger gewünschte Skulptur die Würde des Ortes nicht ausreichend wahre. Sie würde sich nicht in die Umgebung des Friedhofs einfügen und bei den Friedhofsbesuchern zumindest Irritationen hervorrufen, wenn nicht gar Ärgernis erregen.

Der Kläger ließ seine verstorbene Ehefrau in einer Wahlgrabstätte beisetzen, die später auch als seine Ruhestätte dienen soll. Es entspreche nach Aussage des Klägers seinem und dem Wunsch seiner Ehefrau, die Skulptur in Form eines Fingers als Grabmal auf der Grabstätte aufstellen zu lassen. Diese war ursprünglich anlässlich der Documenta 6 hergestellt worden und befindet sich derzeit im Garten des Klägers. Auf dem Sockel befindet sich die Aufschrift "Carpe Diem".

Das Gericht bezweifelte zwar, dass man in dem Kunstwerk einen sogenannten "Stinkefinger" erblicken würde, da der Skulptur erkennbare Elemente des Handrückens fehlten. Der Würde des Ortes widerspreche aber bereits, dass den Nutzungsberechtigten anderer Grabstätten oder sonstigen Friedhofsbesuchern mit dem Finger überhaupt zugemutet würde, Überlegungen und Erwägungen zum möglichen Bedeutungsgehalt des ausgestreckten Fingers anzustellen und dabei auch über einen "Stinkefinger" nachzudenken und ihn letztlich auszuschließen. Zwar sei ein Friedhof nicht der Ort, um unter Einengung der Gestaltungsfreiheit der Benutzer eine gehobene oder in eine bestimmte Richtung gelenkte Denkmal- und Kunstpflege zu betreiben. Ein Friedhof sei aber auch umgekehrt keine Kunstausstellungsfläche. Der eigentliche Friedhofszweck für die Nutzungsberechtigten und sonstigen Friedhofsbesucher, nämlich ein ungestörtes Totengedenken zu ermöglichen, wäre durch die aufgezwungene Befassung mit dem Finger als Grabmal und der Frage nach dessen Bedeutungsgehalt im Kontext einer Grabstätte beeinträchtigt. Relativiert würde die der Würde des Ortes abträgliche Wirkung des Fingers als Grabmal auch nicht durch die bei der Betrachtung aus der Nähe erkennbare Inschrift "Carpe diem" auf dem Bereich des Sockels. Diese Inschrift nähme ein Besucher nämlich überhaupt erst dann zur Kenntnis, wenn infolge einer Betrachtung aus größerer Entfernung eine Irritation oder gar Verärgerung bereits entstanden wäre und er von der außergewöhnlichen Gestaltung des Grabmales "angelockt" worden wäre, um es näher zu betrachten und sich damit zu befassen.

Der Würde des Ortes noch genügen würde das Grabmal nur, wenn der herkömmliche Charakter des Waldriedhofs als Gemeinschaftsanlage bereits zuvor durch die Zulassung anderer außergewöhnlicher sowie interpretationsfähiger und -bedürftiger Grabmale "aufgeweicht" worden wäre. Dafür sei indessen nichts ersichtlich. Es gehe der Beklagten vielmehr um die Bewahrung des Gesamteindrucks des Friedhofs in seiner althergebrachten Entwicklung, was rechtlich nicht zu beanstanden sei.



Kritik und Hinweise:
In der einschlägigen Friedhofssatzung war die sonst häufig übliche Formulierung, dass sich die Grabmale in die Umgebung einpassen müssen, nicht einmal enthalten. Dennoch wurde dies auch vorliegend als Voraussetzung angenommen. Dies ist jedoch nach Aeternitas-Auffassung nicht richtig. Zwar trifft es zu, dass ein Friedhof nicht die Summe beziehungslos nebeneinanderliegender Einzelgrabstätten ist, sondern ein gemeinsamer Begräbnisplatz für eine Vielzahl von Toten. Die einzelne Grabstätte ist daher gemeinschaftsbezogen mit der Folge, dass das Recht individueller Grabgestaltung nicht schrankenlos sein kann. Es, unterliegt denjenigen Beschränkungen, die sich aus dem Gemeinschaftscharakter ergeben.

Der Würde des Ortes widersprechen aber nur solche Gestaltungen, die geeignet sind, die Empfindungen der Mehrheit der Friedhofsnutzer und Besucher bzw. mindestens eines "Durchschnittsbesuchers" zu verletzen. Dass wäre bei einem "Stinkefinger" sicherlich der Fall gewesen. Dass ein Grabmal einer Mehrheit lediglich nicht gefällt, reicht dazu aber ebenso wenig aus, wie dass Besucher bei Erblicken eines Grabmals angeblich zur Interpretation "genötigt" werden könnten. Wenn wir persönliches Gedenken ermöglichen wollen, müssen wir individuelle Grabmale zulassen, die auch zum Nachdenken anregen dürfen. Wie man im vorliegenden Fall beispielhaft erkennt, wird mit dem Kriterium, dass sich die Grabmale in die Umgebung einfügen sollen, bei strenger Interpretation jegliche, der Norm abweichende, künstlerische Gestaltung verhindert. Dies kann nicht das Ziel eines bürgerfreundlichen Friedhofs sein.

Nach Aeternitas-Auffassung ist es alleine Aufgabe der Bereiche mit besonderen Gestaltungsvorschriften, eine Einheitlichkeit in der Gestaltung für die Bürger mit einem entsprechenden Bedürfnis zur Verfügung zu stellen. In den Bereichen ohne besondere Gestaltungsvorschriften – wie hier – sollten auch individuell und künstlerisch gestaltete Grabmale ihren Platz finden.

Dem Verbraucher mit einem Bedürfnis, ein persönliches, gängigen Normen nicht entsprechendes Grabmal zu errichten, ist sicherheitshalber zu raten: Suchen Sie sich einen Friedhof, auf dem ein breites Spektrum an Gestaltung bereits zugelassen ist. Im Idealfall informieren Sie sich bereits zu Lebzeiten, ob das von Ihnen geplante Grabmal auf dem angedachten Friedhof zulässig ist.


(Quelle: Urteil des Verwaltungsgerichts Hannovers vom 21.09.2018, Az.: 1 A 12180.17)

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