"Festhalten am Friedhofszwang ist die falsche Einstellung"
Offener Brief an die Ministerin Mona Neubaur (NRW)

Der Trauerredner Dirk R. Schuchardt aus Duisburg hat sich in einem offenen Brief an die Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie sowie stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen Mona Neubaur (Bündnis 90/Die Grünen) gewandt. Darin kritisiert er das Festhalten an den bestehenden Regelungen zum Friedhofszwang. Freundlicherweise dürfen wir den Text hier veröffentlichen:
Guten Tag Frau Neubaur,
mit einem echten Entsetzen habe ich den Artikel „NRW verteidigt Friedhofszwang“ in der WAZ vom 18. Februar 2026 gelesen. Ist das wirklich (!) Ihre Meinung oder stehen Sie unter der Übermacht Ihres christlich geprägten Koalitionspartners?
Ich bin seit über zehn Jahren Freier Trauerredner in Duisburg. Jeder Bestatter hier kennt Wege, wie man über den Umweg über die grenznahen Niederlande sehr wohl die Urne mit der Asche eines Verstorbenen aus Nordrhein-Westfalen auf den heimischen Kaminsims oder in den eigenen Garten bekommt.
Wäre es nicht endlich an der Zeit, die Kriminalisierung der Angehörigen aufzugeben und sie nicht auf illegale Wege in die Niederlande zu zwingen? Warum macht sich NRW nicht - wie Bremen und Rheinland-Pfalz zuvor - zum Motor einer Entwicklung, die im Sinne der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes ist?
Möglicherweise sind Sie auch beeinflusst von den nicht enden wollenden Klagen der (christlichen) Friedhofsbetreiber, die sich mit Händen und Füßen gegen eine Entwicklung wenden, die eh nicht mehr aufzuhalten ist.
Bedenken Sie, welche Probleme allein durch die schon bislang erfolgten illegalen Einfuhren von Totenaschen aus den Niederlanden entstanden sind. Wie schön wäre es, wenn es ein System wie in Bremen gäbe, wo es geordnete Wege gibt, die Totenasche nach Hause zu bringen? Die Gefahr, dass Totenaschen unkontrolliert in die Umwelt oder in die Restmülltonne landen, ist nicht von der Hand zu weisen.
Wenn Sie und ich für uns dafür entscheiden, dass wir eines Tages auf dem städtischen Friedhof beigesetzt werden wollen, so ist das vollkommen in Ordnung. Aber jeder andere Mensch muss das Recht haben, über den Verbleib seiner Asche frei entscheiden zu können, ohne die Bestattungsverpflichteten in die Illegalität zu drängen: Denn am Ende ist die Erfüllung des letzten Willens des Verstorbenen für Angehöriger oft höher als jede Menschenordnung, die versucht, das Unausweichliche kontrollieren zu wollen. So wurden Totenaschen bereits (illegal) im Rhein in NRW beigesetzt oder im Wohnzimmerschrank aufbewahrt. Wer will den Trauernden hier „mit der ganzen Härte des Gesetzes“ reinreden?!
Ich würde mich freuen, wenn Sie aus Ihrer politischen Blase heraustreten könnten und mit den Menschen in einen Dialog treten würden, die jeden Tag mit dem Tod zu tun haben und die beispielsweise in der Trauerbegleitung viel näher am Menschen sind als Friedhofsbetreiber, denen der Wille des Menschen herzlich egal ist und die nur wirtschaftliche Zwecke verfolgen. Wie schön wäre es, wenn Sie sich im positiven Sinne zum Motor einer Entwicklung machen, die sich eh nicht aufhalten lassen wird. Wenn es diese Landesregierung nicht gestaltet, wird es eine andere Landesregierung tun, an der möglicherweise weder Sie noch Ihre Partei beteiligt ist.
Wenn Sie nicht vergessen haben, wofür Sie einst in die Politik gegangen sind, dann sollten Sie Ihre Haltung überprüfen. Gerne lasse ich Sie an meinen Erfahrungen an den wahren Verhältnissen in Sachen Beerdigungen in NRW teilhaben.
Über eine Einladung zu einem Gespräch mit Ihnen würde ich mich sehr freuen.
Beste und herzliche Grüße aus Duisburg
Dirk R. Schuchardt