Trauer und künstliche Intelligenz (KI)
Was spricht dafür und was dagegen?

Eine Einschätzung von Heidi Müller und Hildegard Willmann vom Beirat des Portals gute-trauer.de.
KI-Technologien werden zunehmend auch im Rahmen der Trauerversorgung eingesetzt, darunter beispielsweise virtuelle Gedenkplattformen, Trauer-Avatare und KI-gestützte Therapieanwendungen. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) bringt sowohl Vorteile wie auch Risiken mit sich. Die Entwicklung und Nutzung von KI-Technologien müssen daher auf evidenzbasierten Annahmen und Grundsätzen beruhen, damit sie bei Betroffenen keinen Schaden verursachen.
Die Auswirkungen und ethischen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Einsatz trauerspezifischer KI variieren erheblich zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen wie etwa Technologieentwicklern und Betroffenen.
Der Einsatz von trauerspezifischer KI kann für Betroffene positive Auswirkungen haben, wie etwa:
- Verbesserter Zugang zu Unterstützung
- Zeitlich unbegrenzte Verfügbarkeit von Unterstützung
- Personalisierte Interventionen
- Stärkung der Verbundenheit mit der verstorbenen Person
- Bewahrung von Lebensgeschichten und kulturellem Wissen
- Neue Wege für gemeinschaftliches Trauern
Der Einsatz von trauerspezifischer KI kann jedoch für Betroffene erhebliche Risiken haben, wie etwa:
- Anthropomorphismus (Zuschreibung menschlicher Eigenschaften gegenüber Objekten, was zu ungesunden emotionalen Bindungen führen kann)
- Verzögerte und gestörte Trauerprozesse, die sich schädigend auf die Gesundheit auswirken und das Risiko einer anhaltenden Trauerstörung erhöhen
- Auslösen von familiären Konflikten über Nutzungsentscheidungen
- Kommerzialisierung von Trauerdaten
- Unzureichender Schutz digitaler Hinterlassenschaften
- Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen im Verständnis von Sterblichkeit und gemeinschaftlicher Trauer
KI-Technologien, die tiefere, personalisierte Beziehungen zu den Nutzern aufbauen, bringen ein höheres Risiko für die Entwicklung von Problemen (zum Beispiel Anhängigkeit) mit sich. Auch falsche Informationen wie Mythenwissen bergen erhebliche Risiken, insbesondere wenn Systeme komplexe, autonome Reaktionen ohne menschliche Aufsicht ausführen. Bestimmte Personengruppen gilt es besonders zu schützen. So sind etwa Kinder und Jugendliche besonders anfälligzum Beispiel für Manipulationen. Darüber hinaus werfen KI-Anwendungen, die verstorbene Personen simulieren oder digital nachbilden, grundlegende ethische und rechtliche Fragen hinsichtlich Einwilligung, Würde und Datenverwaltung auf.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass trauerspezifische KI-Technologien das Potenzial haben, die menschenbezogene Trauerversorgung zu ergänzen, jedoch nur, wenn sie verantwortungsbewusst, sorgfältig, transparent, inklusiv entwickelt werden und auf evidenzbasierten Annahmen und Grundsätzen beruhen.